29.09.2015 Mathe Tanz

Mathematik und Tanz

Abschieds- und Festkolloquium für Marcel Erné

 

Nach genau 50 akademischen Jahren, 40 davon als Professor für Mathematik an der Universität Hannover, nahm Marcel Erné seinen Abschied von den Aufgaben im Dienst dieser Universität, die heute den Namen des Universalgelehrten G.W. Leibniz trägt.

Foto: Meineke

Zu diesem Anlass gab es am 29. September 2015 ein großes Festkolloquium. Rund 150 Gäste aus nah und fern erschienen zur Freude des Jubilars, darunter auch eine mathematisch interessierte Schar von TSC-lern.

Auf der Empore des Lichthofes der Universität bildeten Posterwände mit grafischen Werken von Marcel aus drei Jahrzehnten zu Themen, die Mathematik mit Tanz verbinden, eine optisch eindrucksvolle Einrahmung.

Passend dazu war auch der musikalische Rahmen tänzerisch geprägt: Das Ellern-Quartett spielte mit Schwung und Elan das klassische Menuett von Boccherini, einen ungarischen Tanz von Brahms, den berühmten Walzer von Schostakowitsch, und natürlich durfte auch ein Tango von Piazzola nicht fehlen.

Der Dekan der Fakultät für Mathematik und Physik, Professor Uwe Morgner, würdigte Marcels immer humorvollen und anschauungsorientierten Einsatz für die Studierenden und schloss mit einem Zitat aus der Evaluation des jüngsten Jahrgangs der Informatik-Studierenden:

 … Sein Kurs war das Beste, was wir an dieser Universität gehört haben.

Schade, das er geht …

Dem ist außer einem fehlenden s nichts hinzuzufügen.“

Einen Vortrag mit dem zentralen Thema „Mathematik und Tanz“ steuerte Birgit bei, in den siebziger Jahren Studentin, später Ehefrau und heute immer noch Tanzpartnerin von Marcel.

Lebhaft demonstrierte sie unvermutete Zusammenhänge zwischen der Mathematik und dem Tanzsport.

 Geometrisch-physikalische Grundbegriffe entwickelten sich aus Tanzfiguren …

Die Lollipop Sisters: Who is who?

Kegelschnitte entstehen aus tänzerischen Schwungbewegungen …

… und Leibnizsche Exponentialkurven begleiten die Promenade.

Spannende mathematische Aspekte bot auch ein Beispiel zur Absurdität des Majoritätssystems im Tanzsport:

In dem folgenden überschaubaren Tanzturnier mit drei Paaren hat Nummer 1 gewonnen, obwohl es eine viel höhere Einzelplatzsumme (nämlich 51) als  Nummer 2  (nämlich 43) hatte. Die Majorität der Einsen und Zweien in den einzelnen Tänzen (nicht insgesamt!) gab den Ausschlag für den Sieg von Paar 1.

Nehmen wir an, beim nächsten Mal vergeben die Wertungsrichter A und B  in allen fünf Tänzen ihre Einsen statt an Paar 2 an die beiden anderen Paare – dann passiert ein kleines Wunder: Obwohl Paar 2 nun 10 Einsen weniger erhält und ansonsten alles beim Alten bleibt, gewinnt es diesmal das Turnier!!

Diese kaum nachvollziehbare Gegenläufigkeit liegt natürlich keineswegs an den Wertungsrichtern, sondern an der Unsinnigkeit eines hochkomplizierten Systems mit seinen insgesamt über 20 Teilregeln, zu deren Auffrischung alle zwei Jahre eine ganztägige Turnierleiterlizenzerhaltungsschulung zu absolvieren ist. Schlichtes Zusammenzählen (eventuell  nach Streichung des besten und schlechtesten Ergebnisses, wie in anderen Sportarten üblich) wäre viel einfacher und würde ein für jedermann sofort nachvollziehbares Ergebnis liefern.

Dass man es mit einer Analyse von Wahlverfahren bis zum Nobelpreis bringen kann, hat Kenneth Arrow durch sein großes Diktator-Theorem gezeigt. Ein kollektives Bewertungssystem sollte wenigstens die folgenden beiden Kriterien erfüllen (die im Majoritätssystem allerdings beide verletzt sind):

(M)  Verbessern sich Einzelwertungen, so darf sich dadurch das Gesamtergebnis nicht verschlechtern.

( I )  Der Vergleich zwischen zwei Kandidaten hängt nicht von der Wertung der übrigen Kontrahenten ab.

Aber, so sagt das Arrow-Theorem,  ein solches System führt zwangsläufig auf einen Diktator, der bestimmt, wie gewertet werden soll. Zugleich objektive und chancengleiche Wahlverfahren sind also gewissermaßen eine Utopie!

Der große Diktator

Cartoon: Erné

Marcel selbst hielt zum Schluss eine mit handgreiflichen geometrischen Modellen gespickte Abschiedsvorlesung über das Ei des Kolumbus – und die Zuschauer verfolgten die verblüffende Präsentation von rotierenden Überraschungseiern mit Staunen.

 

Die TSC-Truppe überreichte dem Geometrie-Liebhaber zu guter Letzt ein aus Glas geblasenes Kunstwerk, das die kaum vorstellbare Eigenschaft hat, nur eine Oberfläche zu besitzen: Man kann auf dieser entlang wandern und dabei auf die gegenüberliegende Seite gelangen!! Es handelt sich dabei um die berühmte Kleinsche Flasche.

Marcel beschrieb mit dramatischen Gesten, wie man in diese Flasche  hinein und durch den Schlauch wieder hinaus krabbelt. Günter Meywerk erläuterte dazu, wie das Tanzpaar Erné durch tanzsportliche Extremverformung nach Art eines Flaschengeistes aus dem zauberhaften Gebilde entweichen kann.

 

Nach dieser bewegenden Abschiedsfeier soll aber mit der Mathematik und dem Tanzsport noch lange nicht Schluss sein!

 

 

Ein besonderes Dankeschön gilt Werner Hanke für die tolle und umfassende Sammlung fotografischer Impressionen von diesem unvergesslichen Event!